Neujahrsvorsätze – Alle Jahre wieder

Also ich persönlich mag sie ja überhaupt nicht: Neujahrsvorsätze. Alle Jahre wieder kriechen sie aus allen Ecken hervor, blähen sich auf, machen sich wichtig – als wollten Sie die Weltherrschaft an sich reißen.

Doch mit den folgenden 7 Tipps wird es Ihnen mit Sicherheit gelingen, den wohlgenährten inneren Schweinehund vor diesen moralinsauren Tyrannen in Sicherheit zu bringen – geben Sie nicht auf, noch ist nichts verloren!

Tipp 1: Leugnen, leugnen, leugnen!

Zugegeben, dafür ist es jetzt schon reichlich spät. Zumindest, wenn es Sie auf der Silvesterparty kalt erwischt hat und Sie sich vor der lästigen Frage nach Ihrem Neujahrsvorsatz nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Vielleicht aber hatten Sie schon selbst den entsprechenden Riecher – oder einfach nur das Glück – dabei zumindest möglichst vage zu bleiben.

„Ich werde weniger rauchen, gesünder leben, mehr Sport betreiben“ – das wäre schon mal ein vernünftiger Ansatz, der Ihnen mit Sicherheit einen einigermaßen akzeptablen Interpretations-Spielraum ließe.

Kommt es dann tatsächlich mal zum Showdown, bleibt Ihnen immer noch der Plan B. Oder C.

„Wie meinst du? Weniger rauchen? Ja sicher doch, mach ich eh. Ist heute erst die 5te! Und außerdem hab ich zur Jause schon einen Apfel gegessen. Und gestern war der Lift außer Betrieb und ich hab die Treppen genommen – war eine gute Gelegenheit, wieder mal was für den Körper zu tun.“

Irgendetwas in der Richtung wird Ihnen bei entsprechendem Training schon einfallen, mit dem Sie nochmals mit heiler Haut davon kommen.

Tipp 2: Tarnen und Täuschen – Ja, aber … so war das doch gar nicht gemeint!

Wenn Sie das Pech haben, sich auf etwas Konkreteres eingelassen zu haben, wird’s etwas enger. Aber – nur Mut: Auch hier gibt’s Abhilfe!

Gehen wir mal davon aus, Sie hätten tatsächlich den Fauxpas begangen, zum Beispiel das Wort Abnehmen in den Mund zu nehmen – und Gott bewahre vor einem in konkreten Zahlen benannten Ziel.

Lassen Sie uns die Sache etwas differenzierter angehen: „Ich will 5 Kilo abnehmen“ ist eine managebare Challenge. Für „unter 80 Kilo“ müssten wir noch schärfere Geschütze auffahren – dazu später.

Nehmen wir mal an, Sie hätten tatsächlich den Fehler begangen, „5 Kilo abnehmen“ zu wollen … oder zu sollen … oder … eigentlich zu müssen aber nicht zu wollen.

Da behelfen Sie sich am Besten damit, dass Sie noch in der Sylvesternacht möglichst kräftig auf die Pauke hauen. In vielen Häusern gibt’s den Brauch der Mitternachts-Sülze.

Nein, ich meine nicht die Musik, die auf den diversen Fernseh-Kanälen läuft, sondern schon etwas Gewichtigeres. Aus richtigem Schweinefett. Am Besten mit Essig und viel Öl. Und auch reichlich Alkohol hilft, Ihr Vorzeigegewicht noch kurzfristig zu pushen.

Vergessen Sie nicht, jetzt – bestenfalls vor Zeugen und wenn möglich noch mit einem schweren, dicken Strickpulli – die Benchmark festzulegen. Und zwar, bevor Sie die Toilette aufgesucht haben!

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen: Nichts leichter, als nach so einer Nacht innerhalb von 1-2 Tagen besagte 5 Kilo abzunehmen. Besonders dann, wenn Sie den Erfolgsnachweis dann nach dem morgendlichen Toilettgang, vor dem Frühstück – und selbstverständlich höchstens in Unterwäsche antreten.

Wenn Sie also schon den Fehler eines so konkreten Neujahrsvorsatzes begangen haben, dann bringen Sie’s auf diesem Weg möglichst rasch hinter sich und stellen den Fotobeweis sofort auf Facebook – Sie haben dann bis zum nächsten Jahreswechsel wieder Ihre Ruhe und streifen nebenbei mit Sicherheit ein paar „Likes“ ein.

Erfolgsmeldungen kommen an bei den Leuten.

Tipp 3: Einen Schuldigen finden – Da kann doch ich nichts dafür!

Zurück zur verschärften Ausgangslage. Sie haben also tatsächlich den Fehler gemacht, sich statt eines relativen ein absolutes Ziel zu setzen? Das jede x-beliebige Wundernase jederzeit problemlos überprüfen kann? „Unter 80 Kilo“???

Finden Sie einen Schuldigen! Möglicherweise haben Sie in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis eine Person, die im Jänner Geburtstag feiert. Idealerweise jemanden in einer … sagen wir mal … Krisensituation. Oder zumindest in einer Situation, die man nach Außen als Krise darstellen könnte.

„Weißt du, die Tante Ilse. Der geht es doch schon seit Jahren so schlecht: Seit ihre Perserkatze sich damals beim Sprung aus dem ersten Stock die rechte Pfote verstaucht hatte, war sie eigentlich immer irgendwie … depressiv. Und wie versessen auf Torte. Also – was soll ich sagen: Ich hab’s da einfach nicht über’s Herz bringen können und hab ihr meinen Neujahrsvorsatz geopfert. Schließlich ist sie meine einzige Tante und da hat man schon auch eine soziale Verantwortung …“

Wenn Sie sich geschickt anstellen, kommen Sie also auch hier noch relativ gut davon – und mit ein bisschen Glück ernten Sie dazu noch die Anerkennung Ihres Freundeskreises für diese soziale Heldentat.

Tipp 4: Einen Grund finden – Es ist doch bloß, weil …!

Auch dieser Tipp könnte für Sie eine vernünftige Alternative sein. Sie müssten dann allerdings den Grund für Ihr Abweichen von einem einmal gefassten Neujahrsvorsatz ganz bei sich selber finden. Und der muss schon was hermachen, sonst könnte der Schuss nach hinten losgehen …

Zwei Möglichkeiten stehen Ihnen zur Verfügung: Die klassische Ausrede. Ähnlich wie bei Tante Ilse können natürlich auch in Ihrem eigenen Leben Umstände eintreten, die einen radikalen Kurswechsel verlangen.

Ganz abhängig von Ihren Vorlieben und der aktuellen Gefahrenlage zwischen Vogelgrippe, Schweinepest, Rinderwahnsinn, Ebola oder nuklear belasteten Ökosystemen bietet es sich an, persönliche Szenarien zu entwickeln, die sich zweifelsfrei mit diversen Studien belegen lassen:

„Bei der derzeitigen Gefährdungslage kann ich meine Pilzdiät einfach nicht aufrecht erhalten, die radioaktive Belastung ist einfach zu hoch.“ – dieses Argument zieht übrigens auch bei Meeresfischen und deutet ganz nebenbei auf ein hohes Umweltbewusstsein hin.

Ähnliche Strategien lassen sich sinngemäß auch zu den anderen saisonal auftauchenden Ängsten entwickeln.

Die zweite Möglichkeit liegt darin, Ihren Neujahrsvorsatz einem höheren Ziel unterzuordnen. Das ist heldenhaft und die Gefahr der Entlarvung ist etwas geringer.

„Weißt du, ich habe mich nach langem Kampf dazu durchgerungen, nochmals eine Weiterbildung anzufangen. Ich meine: Es ist zwar bei meiner derzeitigen beruflichen Belastung praktisch unmöglich, die dann auch abzuschließen, aber es ist mir einfach wichtig, es zu versuchen. Und meine Mutter wollte immer schon, dass mal was G’scheits aus mir wird …“

Sie sehen. Das macht ganz schön was her und bietet Anknüpfungspunkte für dekorative Elemente. Allerdings muss dabei unbedingt und frühzeitig auf eine vernünftige Ausstieggelegenheit geachtet werden!

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Mit etwas Geschick sollte es Ihnen mit den erwähnten Strategien bereits gelungen sein, aus den Fängen eines unvorsichtig geäußerten Neujahrsvorsatzes zu entkommen. In ganz zähen Fällen müssen Sie wohl oder übel auf eine der folgenden 3 Strategien zurückgreifen – das kann jedoch ganz schön riskant werden. Und anstrengend.

Tipp 5: Die Nebelbombe – Stiften Sie Verwirrung!

Wenn Sie selbst schon den Überblick verloren haben und die unmittelbare Gefahr besteht, dass Sie jemand eiskalt bloßstellt und Ihr Neujahrsvorsatz bereits wie ein blankes Damoklesschwert über Ihrem Haupt schwebt, haben Sie mit der Vernebelungstaktik eine letzte Chance, der unliebsamen Bloßstellung zu entkommen.

Sprechen Sie schnell, assoziativ, unzusammenhängend und in stetigem Wechsel der Perspektive. Vielleicht fällt Ihnen gerade ein, dass Sie zu Hause das Bügeleisen noch nicht ausgeschaltet haben oder dass die Badewanne gerade überläuft. Fragen Sie nach den Kindern, der Großmutter oder dem Arbeitsplatz des Gegenübers. Stellen Sie alles Mögliche und Unmögliche an, um aus dieser peinlichen Situation zu entkommen.

Wenn’s gar nicht anders geht, versuchen Sie sich so ungeschickt zu bewegen, dass Sie Ihren Kaffee verschütten oder Ihnen die Naht Ihrer Kleidung reißt.

Alles ist gut, wenn es nur die Aufmerksamkeit von Ihrem Neujahrsvorsatz ablenkt!

Tipp 6: Gegenangriff – Das schafft doch kein Mensch!

Es hat Sie also tatsächlich erwischt. Froschkalt. Messerscharf. Gnadenlos. Alle bisherigen Tipps haben Sie keinen Millimeter mehr weiter gebracht und Sie stehen dem absoluten Versagen Aug in Aug gegenüber.

Ihr Neujahrsvorsatz hat sich zu seiner vollen moralischen Größe aufgerichtet und holt bereits zum letzten vernichtenden Schlag aus: Du hast versagt! Schon wieder!

Jetzt gilt es Nerven zu bewahren. Wischen Sie den kalten Angstschweiß von Ihrer Stirn. Aber unauffällig! Richten Sie sich auf und sammeln Sie all Ihre Kräfte für Ihr letztes Aufbäumen. Erinnern Sie sich an Gandalfs Kampf gegen den Balrog in der 2. Folge von Herr der Ringe: „Du kommst hier nicht durch!“

Lassen Sie jetzt einen Sermon vom Stapel, der sich gewaschen hat: Sprechen Sie unverblümt von der menschlichen Natur und der ihr angeborenen Schwäche. Greifen Sie auf die Erfahrung von ein paar Philosophen oder Heiligen zurück. Zitieren Sie aus der Literatur, aus der Bibel … oder noch besser: Zitieren Sie Buddha!

Geben Sie alles, was Sie haben. Denn wenn es Ihnen in der hitzigen Atmosphäre dieses Aufbegehrens nicht gelingt, die Absurdität des Gedankens an einen Neujahrsvorsatz bloßzustellen, dann sitzen Sie endgültig in der Falle …

Tipp 7: Kapitulation – Alles ist verloren

… und die schnappt gnadenlos zu. Es ist bereits Mai, die 80 haben Sie auf der Wage auch schon länger nicht mehr gesehen – nicht einmal im Rückspiegel. Und die Bademode der neuen Saison verspricht auch heuer nicht, die allzu persönlichen Kurven in keuscher Anmutigkeit zu bedecken.

Erst jetzt wird’s wirklich ernst. Pech gehabt – das haben Sie sich selbst eingebrockt, Sie wollten es so haben.

Was Ihnen jetzt noch bleibt: Stellen Sie sich an die Spitze einer neuen Sozialen Bewegung!

Procrastinators* of the world unite! – tomorrow.

* Prokrastination (lateinisch procrastinatio ‚Vertagung‘, Zusammensetzung aus pro ‚für‘ und cras ‚morgen‘), Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Erregungsaufschiebung, Handlungsaufschub oder Bummelei, ist das Verhalten, als notwendig aber unangenehm empfundene Arbeiten immer wieder zu verschieben, anstatt sie zu erledigen.