Kommunikation. Bitte Wartung drücken

Eigentlich sollte das auch ohne vertiefte technische Ausbildung keine große Sache sein: Einem eigens dafür geschaffenen Gerät eine Tasse Kaffee zu entlocken. Doch weit gefehlt.

Mag es an der persönlichen Tagesverfassung liegen, an der Mondphase, der ungünstigen Sternenkonstellation … oder doch nur am mehr oder minder zufälligen Zusammentreffen unterschiedlicher Wartungszyklen.

Manchmal bist du einfach dran. Mit allem. Länge mal Breite.

Bitte Wartung drücken.

Du versuchst, einem scheinbar einfachen technischen Gerät einen Hinweis zu geben: „Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“
Dafür gebe es einen eigenen Knopf, sollte man meinen.

Doch dann entpuppt es sich als Selbsterfahrungskurs par excellence: Das scheinbar schlichte technische Gerät macht auf Beziehungskiste und teilt dir zuerst einmal seinen Gemütszustand mit.

„Du, ja … da können wir schon darüber reden. Aber weißt du: eigentlich geht’s mir grad nicht besonders. Könntest du mal wsa für mein Wohlbefinden machen? So eine kleine Wartung vielleicht?“

Hm. Nun ja: Wenn’s weiter nichts ist, dann soll es eben so sein. Ich drücke den entsprechenden Knopf und rechne damit, dass die Welt damit wieder in Ordnung ist. Auch für die Kaffeemaschine.

Wirklich?

Bitte Wasser nachfüllen

So ganz scheint’s immer noch nicht zu passen. Die Schlacht zwischen Sach- und Beziehungsorientierung geht auch diesmal klar zugunsten letzterer aus – dabei bin ich wie mir scheint bei meiner Interpretation recht tolerant:

„Danke auch, das hat gut getan. Aber einen Kaffee? Um diese Zeit? Da mußt du schon zuerst mal was in unsere Beziehung investieren. Wie wär’s mit etwas frischem Wasser? Das wäre nett.“

Klar doch. Dauert ja nicht lange.

Kaffeebohnen nachfüllen

Irgendwie komme ich mir vor wie im Stau. Da gibt’s doch dieses wissenschaftlich nachgewiesene Phänomen, dass die auf der anderen Spur immer schneller vorankommen.

„Verdammt. Wo sind denn nur die Kaffeebohnen – und: Wo kann ich die denn bloß einfüllen!!??“

Auch diese Hürde ist schlußendlich geschafft – jetzt sollten wir uns dann aber mal auf’s Wesentliche konzentrieren können, oder?

Bitte Trester leeren

Mit leichtem Schwindel starre ich auf die hurtig über die Anzeige huschenden Nachricht … und vor meinem geistigen Auge verwandelt sie sich in folgenden Wortlaut:

„Du weißt du, unter Druck setzen mag ich mich nicht lassen. Wenn du mir so kommst, dann muss ich zuerst noch grad noch auf’s Klo. Und wenn du’s genau wissen willst: Ja. Ich mache das extra!“

Langsam wird mir klar, wieso manche Menschen behaupten, sie vertrügen keinen Kaffee.

Es schlüge ihnen auf den Magen.

Na also

Frei nach dem Motto „aufgeben gibt’s nicht“ lasse ich mich von derartigen Beziehungskisten nicht aus dem Konzept bringen. Schließlich verfolge ich konsequent und mit aller Kraft mein Ziel: Eine Tasse Kaffee.

Und tatsächlich. Ohne weiteres Federlesens beginnt die gute Apparatur zu schnurren und zu sprudeln.

Herrlich duftender, frisch angebrühter Kaffee ergießt sich in zwei zarten Strömen in die schaumbedeckte Tasse.

Es ist ein Hochgenuß, dem zuzuschauen – und vor lauter Begeisterung ob der endlich gelungenen Übung hätte ich beinahe übersehen auf „stop“ zu drücken, als die kleine Tasse bereits bedenklich voll war.

***

Eigentlich hätte ich mir nicht gedacht, dass sich das Bedienen einer Kaffeemaschine so unmittelbar übertragen läßt auf die zwischenmenschliche Kommunikation.

Doch scheint es sich nicht nur bei Maschinen zu lohnen, manchmal auf den Knopf „Wartung“ zu drücken.

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Take a little time to think

Coaching macht Sinn

In meiner Ausbildungszeit habe ich mir selber manchmal die Frage gestellt: Bringt’s das?

Du investierst eine ganze Menge Zeit und Geld und Energie in deine Persönlichkeit.

Während Andere sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen: Karriere, Reisen, Kulturgenuss, Freizeitspass.

Und du? – hab ich mich gefragt – Du machst auf Selbsterfahrung?
Geht’s dir noch gut???

Macht Coaching Sinn?

Wir wissen heute ziemlich genau, dass wir gut ausgerüstet sind mit einer Menge von Gewohnheiten, Einstellungen und Verhaltensweisen. Einen großen Teil unserer täglichen Handlungen verrichten wir ohne viel zu denken oder zu empfinden.

Aus Gewohnheit halt.

Das was wir da so mitschleppen, hat sich vielleicht bestens bewährt.
In der Vergangenheit zumindest.

Aber bewährt es sich auch heute?
Und morgen?

3 einfache Beispiele. Aus dem praktischen Leben gegriffen.

Erfolg? – Leider nein.

Die energiegeladene 55jährige Unternehmerin fährt mit ihrem Sportwagen zu einem Kundentermin.

Zu schnell. So wie immer.

Sie ist getrieben von einer enormen Leistungsbereitschaft, die sie sich in den Gründerjahren ihrer Handelsagentur angewöhnte. Sie würde sich niemals so in die Abhängigkeit drängen lassen wie ihre Mutter. Hatte sie sich als junge Frau geschworen.

Und damit hat sie’s wirklich zu was gebracht.
Zumindest nach außen.

Denn bei genauerem Hinsehen versickert ein Großteil ihres Ertrags und ihrer Energie in allen möglichen und unmöglichen Kanälen: Fehlentscheidungen, verzocktes Geld, Mitarbeiter die das Weite suchen.

Und auch diesmal.
Motorschaden.

Burnout. Es geht einfach nicht mehr.

Der schon etwas angegraute 40jährige kann auf eine ganze Reihe schöner Erfolge verweisen: Aus einfachen Verhältnissen stammend hat er es bis in die Führungsetage mehrerer Unternehmen gebracht.

Anfangs war es enorm spannend.

Nachdem das Industrieunternehmen von einem deutschen Konkurrenten aufgekauft worden war und umfassende Umbaumaßnahmen angekündigt wurden, die ihm überhaupt nicht gefielen, hatte er sich in kürzester Zeit eine Führungsposition in einem anderen Unternehmen gesucht.

Man hat sich ja seinen Ruf aufgebaut.

Was gleich blieb, waren das Herausforderungsniveau und die zeitliche Beanspruchung.

Manchmal verbrachte er auch einen Samstag zu Hause – aber das kam nicht oft vor.

Was sich veränderte war sein Gesundheitszustand.

Heute geht nichts mehr.
Rien ne va plus.

Und wie geht’s so privat?

Der groß gewachsene Mittvierziger macht seit Jahren einen hervorragenden Job. Als Betriebsleiter eines respektablen Unternehmens der Textilindustrie manövriert er das Unternehmen mit Fingerspitzengefühl und der erforderlichen Durchschlagskraft durch die Wogen der zur Dauereinrichtung gewordenen Krise.

Weshalb er stets so gut drauf sei?

Weil es ihm gelingt, seinen Energiehaushalt im Gleichgewicht zu halten. Er betreibt Sport, ernährt sich gesund und hat das Rauchen bereits vor Jahren aufgehört. Ab und zu ein Gläschen Wein viellecht, aber nicht mehr. Und regelmäßig Yoga.

Ein Mann wie ein Drahtseil.

Und? Zuhause auch alles ok bei dir? – frägt der Geschäftspartner, zu dem über die Jahre lose, aber freundschaftliche Kontakte entstanden sind.

Ja, ja. Kommt die wenig überzeugende Antwort.

Die attraktive Partnerin an seiner Seite leidet seit Jahren an seinem Erfolg. Natürlich genießt sie die Annehmlichkeiten, die ihr erfolgreicher Mann ihr bietet. Und auch die Freiräume die durch seine häufige Abwesenheit entstanden sind weiß sie gut für sich zu nutzen.

Aber ihr Selbstwert leidet enorm darunter. Sie ist „nur“ Rezeptionistin in einem Hotelbetrieb. Und das auch nur in Teilzeit.

Coaching macht Sinn.

In allen drei Fällen sehen sich Menschen mit auf den ersten Blick recht bescheidenen Problemen konfrontiert. Ich meine: Verglichen mit Syrien, Gaza, der Ukraine und den Ebola-Gefahrenzonen Afrikas.

In allen drei Fällen geht wertvolles, schöpferisches Potenzial verloren. Lebensqualität leidet, Verbitterung entsteht.

In allen drei Fällen ist die Geschichte mit heftigen, grenzwertigen Exkalationen weitergegangen. Psychische und körperliche Gesundheit, zerbrochene Familien, enttäuschte Lebensentwürfe, scheinbar ausweglose Situationen.

Endstation.

Coaching ist kein Allheilmittel.

Coaching verhilft zu Klarheit und Zielorientierung mitten in der Alltagshektik.

Und die meisten Eskalationen ließen sich auch noch wenige Wochen vorher mit beschämend bescheidenem Aufwand verhindern.

Coaching macht Sinn. Und bringt dem Kunden einer bereits an anderer Stelle zitierten Wirksamkeitsstudie zufolge im Durchschnitt zwischen 6.000 und 7.000 EUR.

Eigentlich keine schlechte Investition, oder?

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Reputation Management – Was jenseits von Marketing wirklich wirkt

Eine Zugfahrt die ist lustig. Und man tut dabei etwas für die eigene Co2-Bilanz. Und gegen den Stau auf den Straßen. Und man kann arbeiten, statt nur sinnlos hinterm Lenkrad zu sitzen.

Zumindest in der Theorie.

Was eine Zugfahrt aber auf jeden Fall bietet: Einblick in die Lebenswelt der unterschiedlichsten Berufsgruppen. Beispiel gefällig?

Der Sportfunktionär

In einem gesunden Körper ruht ein gesunder Geist. Das wussten schon die alten Griechen. Entsprechend positiv besetzt ist auch das Berufsbild des Sportlers: Engagierte, leistungswillige Menschen, die sich tüchtig fordern.

So weit, so gut.

Kurz vor Mittag, die 1. Klasse ist kaum zur Hälfte besetzt. Hier und da sind Laptops hochgefahren, nur ab und zu unterbricht ein kurzes, dezent geführtes Telefonat die Arbeitsatmosphäre. Es geht was weiter.

Zwei Stunden später liegt Knistern in der Luft. Der Herr drei Sitzreihen vor mir unterhält sich lautstark mit seinen Kollegen. Ein Mitreisender bittet höflich, aber bestimmt, das Gespräch etwas leiser zu führen – vergeblich.

Inzwischen – nach der zweiten Runde Bier scheint die Selbstkontrolle nicht mehr so recht zu funktionieren – weiß das ganze Abteil, dass es sich um einen Sportfunktionär handelt. Namen fallen, Zusammenhänge werden vollmundig ausgebreitet.

Das alles erfahren wir gratis. Es kostet nur … unsere Zeit.
Und der Berufsgruppe ein bisschen von ihrem guten Ruf.

Lokführer-Treff

Inzwischen ist es Nachmittag geworden. Die Fußballer sind gerade ausgestiegen und es kann wieder in aller Ruhe gearbeitet werden. Bis zur nächsten Station.

Eine lustige Truppe steigt zu – Party ist angesagt. Wieder wird Bier durch den Wagon gereicht. Schließlich wird hier auch am Platz bedient.

Erneut die Bitte, sich etwas leiser zu unterhalten. Wir werden höflich darauf hingewiesen, dass der Zug mit einem eigenen Ruheabteil ausgestattet sei. Dort dürfe man sich dann auch ungeniert beschweren, wenn jemand einen Laut von sich gebe.

In der Folge werden wir über das unterschiedliche Lohnniveau von Bahnbediensteten in Deutschland, Österreich und Ungarn informiert. Wir erfahren Einzelheiten über Dienstpläne, Urlaubsreisen in die USA und die neuen Mercedes-Modelle. Im Übrigen gehe es einem als Arbeiter inzwischen wirklich dreckig. Die reinste Sklavenarbeit sei das.

Das alles erfahren wir gratis. Es kostet nur … unsere Zeit.
Und der Berufsgruppe ein bisschen von ihrem guten Ruf.

Die Gewerkschaftstagung

Nach einer guten Stunde, in der an Arbeit nicht mehr zu denken ist, wird endlich ein Tisch im Speisewagen frei. Dort geht die Post erst wirklich ab. Die Eisenbahner verbrüdern sich mit einer Abordnung Gleichgesinnter, die direkt von einer Gewerkschaftstagung kommen.

Ich habe bereits den Laptop gegen eine Zeitung ausgetauscht. Vielleicht geht das noch. Dachte ich mir.

Inzwischen wird … nun ja: gesungen. Heimatlieder.

Ich mag es, wenn Menschen singen. Ich singe selber gerne. Eigentlich meistens im Auto – da ist man so schon ungestört.

Diesmal habe zumindest ich dann nichts mehr weiter erfahren.
Ich hatte dann doch die Gelegenheit genutzt, etwas Musik zu hören.

Mit Kopfhörer, versteht sich.
Man möchte ja schließlich die Mitreisenden nicht belästigen.

Das Bewerbungsgespräch

Dermaßen geläutert spricht auf der Rückfahrt einiges – im Grunde alles für ein Upgrade auf einen Sitz im Business-Abteil.

Gesagt, getan. Doch wenn das Glück zuschlägt, dann kräftig.

Zwischen Linz und Salzburg findet im Nebenabteil ein ausführliches Bewerbungsgespräch für ein Tiroler Handelsunternehmen statt. Die Beteiligten scheinen ganz gut miteinander zurecht zu kommen und breiten erstaunliche Details, Rahmenbedingungen und Ziele in aller (überschaubarer) Öffentlichkeit aus.

Diskretion ist offensichtlich nicht jedermanns Sache.

Reputation Management

Nun ist es eins, sich bei der Nase zu nehmen und ernsthaft zu überlegen, wie wir uns als Berufsgruppe, Unternehmen, Familie oder als Einzelpersonen in der Öffentlichkeit verhalten.

Jede/r liegt mal daneben.

Aber was heißt das für uns im professionellen Kontext?
Und welche Rolle wird Reputation Management in Zukunft spielen?

In einem spannenden Interview mit dem Titel Führung ist ein gesellschaftliches Thema vertritt der bekannte deutsche Honorarprofessor Peter Kruse eine brisante These.

„Ohne eine Reputation im gesellschaftlichen Kontext werden Unternehmen in Zukunft nicht mehr regional überlebensfähig sein.“

Und dabei geht es nicht um verhältnismäßig unbedeutende „Kollateralschäden“ die ein paar Feiernasen bei einem Duzend Mitreisenden im Zug anrichten. Der Ärger über ein paar verlorene Stunden im Zug ist ja bei den Meisten nach wenigen Stunden wieder verraucht.

Bedeutend brisanter wird das Thema, wenn soziale Netze ins Spiel kommen und entsprechendes (Fehl)Verhalten Einzelner schlimmstenfalls als negatives „Image-Video“ in den diversen Foren seine Kreise zieht.

Sensibilisierung – Aufmerksamkeit – Bewusstheit

Es gibt dafür eine Lösung. Und die spielt sich jenseits jeglicher glänzender Image-Broschüren ab:

Die Entwicklung tragfähiger und belastbarer Unternehmensidentitäten und Sensibilisierung der eigenen Mitarbeitenden für diese existenziellen Unternehmenswerte.

Und was haben Sie davon?

  • Eine Unternehmenskultur, für die Wertschätzung und Diskretion im Umgang mit Mitarbeitenden und Bewerbern eine Selbstverständlichkeit ist.
  • Eine Gewerkschaft, die sich ernstlich und respektvoll um die reale Lebenssituation der Menschen kümmert.
  • Eine Bahn, der es sichtlich ein Vergnügen ist, dich sicher und bequem ans Ziel zu bringen.
  • Einen Sportverband, dem man die Begeisterung für sportliche Höchstleistungen abnimmt.

Das alles bekommen wir nicht gratis, es kostet etwas Hirnschmalz.
Und ehrliches Engagement.

Sekt und Feuerwerk

Neujahrsvorsätze – Alle Jahre wieder

Also ich persönlich mag sie ja überhaupt nicht: Neujahrsvorsätze. Alle Jahre wieder diese Erinnerung, wie viel wir selbst in die Hand nehmen und ändern könnten … wenn wir wollten. 

Doch mit den folgenden 7 Tipps wird es Ihnen mit Sicherheit gelingen, den wohlgenährten inneren Schweinehund vor diesen moralinsauren Tyrannen in Sicherheit zu bringen.

Geben Sie nicht auf, noch ist nichts verloren – es genügt nur ein klein wenig Trägheit, und alles bleibt beim Alten. 😉

Tipp 1: Leugnen, leugnen, leugnen!

Zugegeben, dafür ist es jetzt schon reichlich spät. Zumindest, wenn es Sie auf der Silvesterparty kalt erwischt hat und Sie sich vor der lästigen Frage nach Ihrem Neujahrsvorsatz nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Vielleicht aber hatten Sie schon selbst den entsprechenden Riecher – oder einfach nur das Glück – dabei zumindest möglichst vage zu bleiben.

„Ich werde weniger rauchen, gesünder leben, mehr Sport betreiben“ – das wäre schon mal ein vernünftiger Ansatz, der Ihnen mit Sicherheit einen einigermaßen akzeptablen Interpretations-Spielraum ließe.

Kommt es dann tatsächlich mal zum Showdown, bleibt Ihnen immer noch der Plan B. Oder C.

„Wie meinst du? Weniger rauchen? Ja sicher doch, mach ich eh. Ist heute erst die 5te! Und außerdem hab ich zur Jause schon einen Apfel gegessen. Und gestern war der Lift außer Betrieb und ich hab die Treppen genommen – war eine gute Gelegenheit, wieder mal was für den Körper zu tun.“

Irgendetwas in der Richtung wird Ihnen bei entsprechendem Training schon einfallen, mit dem Sie nochmals mit heiler Haut davon kommen.

Tipp 2: Tarnen und Täuschen – Ja, aber … so war das doch gar nicht gemeint!

Wenn Sie das Pech haben, sich auf etwas Konkreteres eingelassen zu haben, wird’s etwas enger. Aber – nur Mut: Auch hier gibt’s Abhilfe!

Gehen wir mal davon aus, Sie hätten tatsächlich den Fauxpas begangen, zum Beispiel das Wort Abnehmen in den Mund zu nehmen – und Gott bewahre vor einem in konkreten Zahlen benannten Ziel.

Lassen Sie uns die Sache etwas differenzierter angehen: „Ich will 5 Kilo abnehmen“ ist eine managebare Challenge. Für „unter 80 Kilo“ müssten wir noch schärfere Geschütze auffahren – dazu später.

Nehmen wir mal an, Sie hätten tatsächlich den Fehler begangen, „5 Kilo abnehmen“ zu wollen … oder zu sollen … oder … eigentlich zu müssen aber nicht zu wollen.

Da behelfen Sie sich am Besten damit, dass Sie noch in der Sylvesternacht möglichst kräftig auf die Pauke hauen. In vielen Häusern gibt’s den Brauch der Mitternachts-Sülze.

Nein, ich meine nicht die Musik, die auf den diversen Fernseh-Kanälen läuft, sondern schon etwas Gewichtigeres. Aus richtigem Schweinefett. Am Besten mit Essig und viel Öl. Und auch reichlich Alkohol hilft, Ihr Vorzeigegewicht noch kurzfristig zu pushen.

Vergessen Sie nicht, jetzt – bestenfalls vor Zeugen und wenn möglich noch mit einem schweren, dicken Strickpulli – die Benchmark festzulegen. Und zwar, bevor Sie die Toilette aufgesucht haben!

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen: Nichts leichter, als nach so einer Nacht innerhalb von 1-2 Tagen besagte 5 Kilo abzunehmen. Besonders dann, wenn Sie den Erfolgsnachweis dann nach dem morgendlichen Toilettgang, vor dem Frühstück – und selbstverständlich höchstens in Unterwäsche antreten.

Wenn Sie also schon den Fehler eines so konkreten Neujahrsvorsatzes begangen haben, dann bringen Sie’s auf diesem Weg möglichst rasch hinter sich und stellen den Fotobeweis sofort auf Facebook – Sie haben dann bis zum nächsten Jahreswechsel wieder Ihre Ruhe und streifen nebenbei mit Sicherheit ein paar „Likes“ ein.

Erfolgsmeldungen kommen an bei den Leuten.

Tipp 3: Einen Schuldigen finden – Da kann doch ich nichts dafür!

Zurück zur verschärften Ausgangslage. Sie haben also tatsächlich den Fehler gemacht, sich statt eines relativen ein absolutes Ziel zu setzen? Das jede x-beliebige Wundernase jederzeit problemlos überprüfen kann? „Unter 80 Kilo“???

Finden Sie einen Schuldigen! Möglicherweise haben Sie in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis eine Person, die im Jänner Geburtstag feiert. Idealerweise jemanden in einer … sagen wir mal … Krisensituation. Oder zumindest in einer Situation, die man nach Außen als Krise darstellen könnte.

„Weißt du, die Tante Ilse. Der geht es doch schon seit Jahren so schlecht: Seit ihre Perserkatze sich damals beim Sprung aus dem ersten Stock die rechte Pfote verstaucht hatte, war sie eigentlich immer irgendwie … depressiv. Und wie versessen auf Torte. Also – was soll ich sagen: Ich hab’s da einfach nicht über’s Herz bringen können und hab ihr meinen Neujahrsvorsatz geopfert. Schließlich ist sie meine einzige Tante und da hat man schon auch eine soziale Verantwortung …“

Wenn Sie sich geschickt anstellen, kommen Sie also auch hier noch relativ gut davon – und mit ein bisschen Glück ernten Sie dazu noch die Anerkennung Ihres Freundeskreises für diese soziale Heldentat.

Tipp 4: Einen Grund finden – Es ist doch bloß, weil …!

Auch dieser Tipp könnte für Sie eine vernünftige Alternative sein. Sie müssten dann allerdings den Grund für Ihr Abweichen von einem einmal gefassten Neujahrsvorsatz ganz bei sich selber finden. Und der muss schon was hermachen, sonst könnte der Schuss nach hinten losgehen …

Zwei Möglichkeiten stehen Ihnen zur Verfügung: Die klassische Ausrede. Ähnlich wie bei Tante Ilse können natürlich auch in Ihrem eigenen Leben Umstände eintreten, die einen radikalen Kurswechsel verlangen.

Ganz abhängig von Ihren Vorlieben und der aktuellen Gefahrenlage zwischen Vogelgrippe, Schweinepest, Rinderwahnsinn, Ebola oder nuklear belasteten Ökosystemen bietet es sich an, persönliche Szenarien zu entwickeln, die sich zweifelsfrei mit diversen Studien belegen lassen:

„Bei der derzeitigen Gefährdungslage kann ich meine Pilzdiät einfach nicht aufrecht erhalten, die radioaktive Belastung ist einfach zu hoch.“ – dieses Argument zieht übrigens auch bei Meeresfischen und deutet ganz nebenbei auf ein hohes Umweltbewusstsein hin.

Ähnliche Strategien lassen sich sinngemäß auch zu den anderen saisonal auftauchenden Ängsten entwickeln.

Die zweite Möglichkeit liegt darin, Ihren Neujahrsvorsatz einem höheren Ziel unterzuordnen. Das ist heldenhaft und die Gefahr der Entlarvung ist etwas geringer.

„Weißt du, ich habe mich nach langem Kampf dazu durchgerungen, nochmals eine Weiterbildung anzufangen. Ich meine: Es ist zwar bei meiner derzeitigen beruflichen Belastung praktisch unmöglich, die dann auch abzuschließen, aber es ist mir einfach wichtig, es zu versuchen. Und meine Mutter wollte immer schon, dass mal was G’scheits aus mir wird …“

Sie sehen. Das macht ganz schön was her und bietet Anknüpfungspunkte für dekorative Elemente. Allerdings muss dabei unbedingt und frühzeitig auf eine vernünftige Ausstieggelegenheit geachtet werden!

***

Mit etwas Geschick sollte es Ihnen mit den erwähnten Strategien bereits gelungen sein, aus den Fängen eines unvorsichtig geäußerten Neujahrsvorsatzes zu entkommen. In ganz zähen Fällen müssen Sie wohl oder übel auf eine der folgenden 3 Strategien zurückgreifen – das kann jedoch ganz schön riskant werden. Und anstrengend.

Tipp 5: Die Nebelbombe – Stiften Sie Verwirrung!

Wenn Sie selbst schon den Überblick verloren haben und die unmittelbare Gefahr besteht, dass Sie jemand eiskalt bloßstellt und Ihr Neujahrsvorsatz bereits wie ein blankes Damoklesschwert über Ihrem Haupt schwebt, haben Sie mit der Vernebelungstaktik eine letzte Chance, der unliebsamen Bloßstellung zu entkommen.

Sprechen Sie schnell, assoziativ, unzusammenhängend und in stetigem Wechsel der Perspektive. Vielleicht fällt Ihnen gerade ein, dass Sie zu Hause das Bügeleisen noch nicht ausgeschaltet haben oder dass die Badewanne gerade überläuft. Fragen Sie nach den Kindern, der Großmutter oder dem Arbeitsplatz des Gegenübers. Stellen Sie alles Mögliche und Unmögliche an, um aus dieser peinlichen Situation zu entkommen.

Wenn’s gar nicht anders geht, versuchen Sie sich so ungeschickt zu bewegen, dass Sie Ihren Kaffee verschütten oder Ihnen die Naht Ihrer Kleidung reißt.

Alles ist gut, wenn es nur die Aufmerksamkeit von Ihrem Neujahrsvorsatz ablenkt!

Tipp 6: Gegenangriff – Das schafft doch kein Mensch!

Es hat Sie also tatsächlich erwischt. Froschkalt. Messerscharf. Gnadenlos. Alle bisherigen Tipps haben Sie keinen Millimeter mehr weiter gebracht und Sie stehen dem absoluten Versagen Aug in Aug gegenüber.

Ihr Neujahrsvorsatz hat sich zu seiner vollen moralischen Größe aufgerichtet und holt bereits zum letzten vernichtenden Schlag aus: Du hast versagt! Schon wieder!

Jetzt gilt es Nerven zu bewahren. Wischen Sie den kalten Angstschweiß von Ihrer Stirn. Aber unauffällig! Richten Sie sich auf und sammeln Sie all Ihre Kräfte für Ihr letztes Aufbäumen. Erinnern Sie sich an Gandalfs Kampf gegen den Balrog in der 2. Folge von Herr der Ringe: „Du kommst hier nicht durch!“

Lassen Sie jetzt einen Sermon vom Stapel, der sich gewaschen hat: Sprechen Sie unverblümt von der menschlichen Natur und der ihr angeborenen Schwäche. Greifen Sie auf die Erfahrung von ein paar Philosophen oder Heiligen zurück. Zitieren Sie aus der Literatur, aus der Bibel … oder noch besser: Zitieren Sie Buddha!

Geben Sie alles, was Sie haben. Denn wenn es Ihnen in der hitzigen Atmosphäre dieses Aufbegehrens nicht gelingt, die Absurdität des Gedankens an einen Neujahrsvorsatz bloßzustellen, dann sitzen Sie endgültig in der Falle …

Tipp 7: Kapitulation – Alles ist verloren

… und die schnappt gnadenlos zu. Es ist bereits Mai, die 80 haben Sie auf der Wage auch schon länger nicht mehr gesehen – nicht einmal im Rückspiegel. Und die Bademode der neuen Saison verspricht auch heuer nicht, die allzu persönlichen Kurven in keuscher Anmutigkeit zu bedecken.

Erst jetzt wird’s wirklich ernst. Pech gehabt – das haben Sie sich selbst eingebrockt, Sie wollten es so haben.

Was Ihnen jetzt noch bleibt: Stellen Sie sich an die Spitze einer neuen Sozialen Bewegung!

Procrastinators* of the world unite! – tomorrow.

* Prokrastination (lateinisch procrastinatio ‚Vertagung‘, Zusammensetzung aus pro ‚für‘ und cras ‚morgen‘), Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Erregungsaufschiebung, Handlungsaufschub oder Bummelei, ist das Verhalten, als notwendig aber unangenehm empfundene Arbeiten immer wieder zu verschieben, anstatt sie zu erledigen.

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Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit – Das Recht der Anderen

Wer sich damit näher befasst, merkt rasch: Das Thema ist umfassender als auf den ersten Blick angenommen werden könnte. Meinungsfreiheit. Was hat das mit uns konkret zu tun? Mit unserem täglichen Leben, Arbeiten – Mit der Art, wie wir unsere Betriebe führen?

Es gibt Themenkomplexe, auf die wir fast tagtäglich stoßen – Running Gags. Das hat mit unserer persönlichen Wahrnehmung zu tun. Und mit unserer kollektiven Verfasstheit als Gruppe. Da ist dann die Rede von „Wertegemeinschaft“ oder „Unternehmenskultur“.

Hot Spots. Kristallisationspunkte der (öffentlichen) Debatte.

Aus der Distanz sieht man die Dinge in der Regel etwas klarer. Zwei Beispiele.

In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte der Diskurs zum Thema Schwangerschaftsabbruch wenig Sachliches. Da prallten Weltbilder aufeinander: „Mein Bauch gehört mir“ wurde zum Schlagwort einer sich emanzipierenden Frauenbewegung. Die Fronten zwischen „konservativ“ und „emanzipiert“ waren rasch gezogen und differenziertere Betrachtungsweisen zwischen den Extremwerten fanden wenig Gehör.

Die 80er Jahre wurden dann zur Geburtsstunde der Ökologiebewegung. Die Erkenntnis, dass die Bäume zwar in den Himmel, aber nicht darüber hinaus wachsen, führte bei Vielen zu Nachdenklichkeit und der Suche nach Alternativen. Die Bandbreite des Diskurses spielte sich ab zwischen „Jute statt Plastik“, „No Future“ und dem völligen Ablehnen jeglicher Verantwortung für Umwelteinflüsse.

Ich erinnere mich an eine Diskussionssendung („Club 2“), in der ein prominenter Vertreter der Seilbahnwirtschaft allen Ernstes argumentierte, die durch menschliches Zutun herbeigeführte Erderwärmung würde den Planeten vor einer geologisch bereits seit mehreren hunderttausend Jahren überfälligen Eiszeit bewahren.

Nun ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche laut Statistiken seit den frühen 80ern um etwa 50% zurückgegangen und längst hat sich eine sogenannte „blue economy“ herausgebildet, die sich zum Ziel setzt „mehr mit weniger“ zu erzeugen.

Beide Entwicklungen verdeutlichen – wenn auch nicht das Ende ideologisierter Debatten – so doch eine etwas nüchternere Pragmatik. Das Leben ist nun einmal bunt und nur Weniges lässt sich sinnvoll in ein simples Schwarz-Weiss-Schema pressen.

Meinungsfreiheit heute.

Heute bieten sich entzündbaren Geistern andere Konfliktfelder. Zum Wettern und Zetern. Zum Fürchten und Anklagen. Zum Kämpfen und Ringen. Mit Worten und Taten. Und inzwischen auch wieder mit Toten.

Offensichtlich übt die geladene Atmosphäre erhitzter Menschenmassen eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus auf linke wie rechte, säkulare wie religiöse, hetero- wie homosexuelle Menschen, die sich fraglos gedrängt fühlen, ihren persönlichen Standpunkt lautstark der Öffentlichkeit mitteilen zu müssen.

Soweit so gut. Wir leben in einer offenen Gesellschaft, die es sich auf die Fahnen heftet, mit Diversität umgehen zu können und Individualität als höchstes Gut zu vertreten.

Wirklich?

„Meinungsfreiheit“ wird dieser Tage quasi als Schlachtruf in’s Feld getragen. Doch dahinter verbirgt sich beschämend selten der Wunsch, die Meinung der Anderen verstehen und anerkennen zu können. Wohl eher das platte Bestreben, der eigenen Meinung Gehör zu verschaffen – und zwar gehörig.

Dabei gleichen sich die diversen Darbietungen der jeweiligen Proponenten unabhängig vom jeweiligen Format – gleichgültig ob „Spaziergang“ – „Protest-“ oder „Solidaritätskundgebung“ – und erwecken unisono den Eindruck eines aus dem Rahmen gefallenen Faschingsumzugs.

Diversity

Bunt ist schön. Gebt dem Leben eine Chance, sich zu entfalten! Vielfalt statt Eintopf.

Die Vielfältigkeit unserer Lebensentwürfe ist längst gesellschaftliche Realität. Das sprichwörtliche „man“ hat ausgedient und – zumindest in Westeuropa – sind der Meinungsfreiheit kaum Grenzen gesetzt.

Ich glaube, das ist das Beste, was wir uns wünschen können.

Menschen entscheiden sich aus ihren persönlichen Gründen für dieses oder jenes Lebenskonzept. Für diese oder jene Art zu essen, zu genießen, zu lieben. Sie entscheiden sich, an Dieses oder Jenes zu glauben oder eben nicht daran zu glauben. Sich gesund oder weniger gesund zu ernähren, Sport zu treiben, zu rauchen, Bücher zu lesen, spazieren zu gehen oder vor der Glotze zu sitzen.

Dass es den einen oder anderen recht gesicherten Zusammenhang gibt. Zum Beispiel zwischen Rauchen und Lungenkrebs. Zwischen üppigen Speisen und Blutwerten. Zwischen unterschiedlichen Formen des Sozialverhaltens und zu erwartenden Reaktionen des Umfelds. Das dürfte sich bei den Meisten schon herumgesprochen haben.

Doch bietet uns die Statistik genügend Spielraum. Nicht jeder Raucher wird krank und auch nicht alle Randalierer werden irgendwann tatsächlich in die Schranken gewiesen. Manche Menschen scheinen mit recht destruktiven Verhaltensmustern erstaunlich gut über die Runden zu kommen.

Und manche Menschen haben einfach den Mut, ganz anders zu leben und etwas völlig Neues auszuprobieren.

„Damit das Mögliche entsteht,

muss immer wieder

das Unmögliche versucht werden.“

Hermann Hesse

Meinungsfreiheit: Mehr als eine leere Worthülse?

Vor einigen Jahren hielt ich mich über längere Zeit in Jerusalem auf. Ja, diese Stadt meine ich, in der so viel gestritten, gekämpft, gelitten, gebetet und gelogen wird.

Im Ostteil der Stadt, gleich außerhalb der Altstadt, saß ich in einem gepflegten arabischen Restaurant und nahm ein typisch orientalisches Gericht zu mir. Am Nebentisch unterhielten sich ein orthodoxer Rabbiner und mehrere arabische Männer lautstark – und wie es den Anschein machte in gelöster Stimmung. Es wurde gelacht und auf die Schenkel geklopft.

Nachdem ich die Szene eine Zeit lang beobachtet hatte, wandte ich mich an einen Ortskundigen und zeigte mich überrascht. Bei der allgemeinen Lage in der Region hätte alles erwartet, nur nicht das.

Mein Gegenüber wies mich darauf hin, dass viele orthodoxe Juden in einem recht angespannten Verhältnis zum Staat Israel stehen … und sich darüber mit einem Teil der arabischen Gesellschaft ähnlicher Meinung wissen.

„Wie stehst du eigentlich zu …“ und „Welche Erfahrungen habt denn Ihr gemacht mit …“.

Fragen dieser Art könnten durchaus geeignet sein, Horizonte zu öffnen und Lebenswelten verständlicher zu machen – möglicherweise bei allen Beteiligten.

Als in Deutschland die ersten Probleme mit einer neu erstarkten Rechten öffentlich wahrnehmbar geworden waren, strahlte das deutsche Fernsehen einen Bericht über ein Projekt aus, das mir imponierte: Eine Gruppe von Sozialarbeitern schickte einschlägig auffällig gewordene Jugendliche auf einen Kulturaustausch in die Türkei. Die jungen Leute wurden vorher über ihre Erfahrungen und Erwartungen interviewt, während des Aufenthalts mit der Kamera begleitet und sie berichteten nach ihrer Rückkehr über ihre Erfahrungen. Das Projekt scheint ein voller Erfolg gewesen zu sein.

Offensichtlich ist der direkte Kontakt mit dem jeweiligen Gegenüber unter günstigen Rahmenbedingungen ein möglicher Weg zu gegenseitigem Respekt und Verständnis.

Der konkrete Alltag. Im Wohnviertel …

Nun ist es Eins, sich aus sicherer Distanz über gesellschaftliche Phänomene und scheinbar zufällige Urlaubserfahrungen zu räsonieren – und etwas ganz Anderes, den konkreten Alltag mit Menschen zu verbringen, die … scheinbar so ganz anders ticken wie wir.

Nach meinem Studienabschluss wohnte ich für einige Jahre mit meiner jungen Familie in einer herrlichen Neubauwohnung mit Wintergarten und Blick auf den Sonnenuntergang am Bodensee. Was für ein Glück.

In eben dieser Wohnanlage hatte die öffentliche Hand Sozialwohnungen erworben, in denen fast ausschließlich Familien mit Migrationshintergrund untergebracht waren.

Im Lauf der Monate wich die erste Freude über das bunte Treiben, die orientalische Musik und die fremden Gerüche … und langsam machte sich ein beklemmendes Lebensgefühl breit. Ob des bunten Treibens, der orientalischen Musik und der fremden Gerüche.

Dabei hatten wir ein sehr anständiges Verhältnis zu unseren Nachbarn. Und als uns die Wohnung nach drei Jahren zu klein geworden war und es sich herumsprach, dass wir ausziehen würden, sind Abschiedstränen geflossen. Auf beiden Seiten.

Meinungsfreiheit. Das Recht der Anderen.

Das Recht, etwas andere Zeiten von Aktivität und Ruhephasen zu haben. Statt Mittagspause Remmidemmi. Das Recht, am Sonntag Nachmittag einen privaten Basar abzuhalten. Mit Kleidungsstücken, Gemüse und Fisch – frisch aus dem Kofferraum des privaten Kombis.

Es ist mir im Lauf der Zeit schwerer gefallen, meinen Nachbarn dieses Recht von Herzen zuzugestehen.

Es war und ist dennoch gut, dass sie dieses Recht hatten.

… und im Betrieb.

Die „offene Gesellschaft“ ermöglicht es uns, unser privates Umfeld relativ frei von Einflüssen zu gestalten und weitestgehend ein Leben zu führen, wie wir es für richtig halten. Das hat uns zu großer persönlicher Freiheit und einem blühenden, bunten Sozialleben geführt. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung sieht das als enormen Vorteil.

Und in unseren Betrieben?

Der Vorteil der Perspektive eines externen Beraters ist … die externe Perspektive.

In vielen Kontakten zu Geschäftsleitungen und Mitarbeitenden stelle ich immer wieder eine relativ hohe Autoritätsgläubigkeit fest.

Hierarchische Strukturen spielen nicht mehr ganz die Rolle wie noch vor 20 Jahren. Doch nach wie vor ist es für Führungskräfte immer wieder eine veritable Herausforderung, neue Perspektiven und Ideen von Mitarbeitenden wirklich ernst zu nehmen und der Versuchung zu widerstehen, entsprechende Beiträge mit einem knappen „eh scho wissen“ vom Tisch zu wischen – genauso wie es umgekehrt nicht immer ganz leicht ist, Menschen aus einer lethargischen Grundhaltung à la „Was geht das mich an, ich mach hier nur meinen Job“ zu mehr echtem persönlichem Engagement zu bewegen.

Nun wird es auch im betrieblichen Kontext wenige Menschen geben, die sich nach reiflicher Überlegung offen gegen Meinungsfreiheit aussprechen und „Dienst nach Vorschrift“ als optimale Grundhaltung anstreben. Doch die gelebte Praxis sieht allzu oft anders aus.

Heerscharen von Beratern, Trainern und Coaches verdienen damit ihr Geld.

Wissen, was wirkt.

Wenn sich ein Unternehmen die Mühe macht, in Beratung / Training / Coaching zu investieren, dann geschieht das in den seltensten Fällen aus Philanthropie. Dahinter steht ein manifestes Interesse: Die eigene Ertragskraft verbessern.

Nach einer Phase der Methoden- und Produktverliebtheit schwingt das Pendel der Beraterbranche wieder stärker in Richtung der konkreten Menschen. Selbstreflexion ist das Gebot der Stunde und Trendsetter setzen auf den Menschen als Mittelpunkt – statt Mittel. Punkt.

Die Herausforderung

Die Herausforderung besteht heute zweifelsohne darin, dass wir uns wieder verstärkt auf Grundfragen einlassen: Wer sind wir? Was wollen wir? Was können und wollen wir tun?

Wer sich auf diese Fragen einlässt, macht sich auf einen persönlichen Erfahrungsweg, wie er spannender nicht sein könnte. Er oder sie wird gleichzeitig die Meinung und den Blickwinkel Anderer als wertvolle Ergänzung und möglicherweise auch Korrektur der eigenen Erlebenswelt anerkennen und zu schätzen lernen.

Unternehmen, die sich auf diese Fragen einlassen werden durch die zusätzlichen Perspektiven einer möglichst großen Anzahl von Mitarbeitenden, Lieferanten und Kunden deutlich an Profil gewinnen. Sie werden auf die Herausforderungen der Zeit mit kreativen neuen Lösungen antworten statt sich an Überkommenem festzuklammern.

Gesellschaften, die diese Fragen (wieder) verstärkt zulassen werden die drängenden Herausforderungen der Gegenwart viel umfassender verstehen und damit konstruktiver umgehen statt lediglich Unsummen in eine illusionäre Sicherheitsstruktur zu investieren.

Was alle drei gemeinsam haben: Sie haben keinerlei Erfolgsgarantie.

Doch wer wirklich hinschaut, das Recht der Anderen auf ihren eigenen Standpunkt respektiert und wirklich ernst nimmt, hat eine realistische Chance.

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