Der Lebenslauf – und was er über uns sagt

Das harte Business. Den rechten Arbeitsplatz ergattern. Die richtigen Kandidaten rekrutieren. Alles möglichst effizient, punktgenau und möglichst qualitätsgesichert. Es geht schließlich um Geld, Karriere und … Erfolg.

Das, wovon alle träumen.

Die Personalmanagerin. Sie wird daran gemessen, wie es ihr gelingt, ausgeschriebene Positionen zu besetzen. Mit den Besten der Besten selbstverständlich. Und wenn alles gut geht, kann sie sich auch nächstes Jahr wieder den Traumurlaub auf den Malediven leisten.

Der karriereorientierte Mit-Dreißiger. Studium in Mindeststudiendauer absolviert. Mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen. Dann 3 Monate Weltreise damals. Rechtzeitig wieder zurück zum Berufseinstieg. 50 bis 60 Stunden die Woche, das musst du die ersten 3 Jahre durchhalten, dann hast du die erste Hürde geschafft. Anschließend Wechsel, nochmals Auslandserfahrung gesammelt. Erste Führungsverantwortung getragen. Und jetzt. Weiter geht’s – immer weiter. Womöglich eines Tages in die Vorstandsetage.

Die Wiedereinsteigerin. Neben den Kindern hier und da ein wenig „gejobt“. Auf gutem Niveau zwar, aber eben immer nur für wenige Monate, 20 Stunden die Woche vielleicht – und meist bescheiden bezahlt. Jetzt endlich wieder etwas Kontinuierliches. Nochmals was aufbauen halt. Jetzt, wo die Kinder schon so selbständig sind …

Der nach der Auszeit. Halbes Jahr Jakobsweg. Coole Erfahrung. Und dass das mit 50 noch drin war, erfüllt ihn schon mit etwas Stolz. Er hatte es einfach nochmals wissen wollen. Dann, je näher die Heimreise rückte, dieses flaue Gefühl im Magen. Ach, irgendwie wird es schon gehen – ich kann neben meinen fachlichen Qualifikationen schließlich auch eine Menge Lebenserfahrung bieten.

Die Herausforderung

Wer sind Sie, was haben Sie bisher gemacht, was ist Ihnen wichtig und wohin wollen Sie? Was – meinen Sie – möchte Ihr Gegenüber von Ihnen hören, damit er oder sie Ihnen gibt, was Sie wollen?

Oder umgekehrt: Wer kommt da auf Sie zu, der sich um eine Position in Ihrem Unternehmen bewerben möchte – in diesen paar Seiten Lebenslauf? Wie stellt er oder sie sich dar, was steckt tatsächlich dahinter … und was davon wird genau jetzt in Ihrem Unternehmen gesucht?

Eines haben alle diese Situationen gemeinsam. Das Wesentliche steht meist nicht auf dem Papier.

In Kontakt. Mit sich und dem Gegenüber

Wer wir sind, was uns begeistert und wohin wir wollen. Das in Erfahrung zu bringen ist der Hebel, an dem sich „Erfolg“ kristallisieren kann. Bestenfalls.

Als ich vor Jahren intensiv in dem Geschäft der Personalvermittlung tätig war, wandte sich ein befreundeter Mitt-Dreißiger mit einer ihn offensichtlich bedrängenden Frage an mich:

„Was muss ich tun, um diesen Job zu bekommen?“

Der Kandidat hatte sich trotz einer krankheitsbedingten Belastung in der Familie[nbsp] seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechend mehrfach beruflich verändert und war jetzt in Sorge, sich gegen jüngere Kandidaten möglicherweise nicht (mehr) durchsetzen zu können.

„Möglicherweise komme ich diesmal nicht zum Zug und es wäre mein Traumjob“ – war seine Sorge.

„Möglicherweise kommst du zum Zug, aber die Stelle ist überhaupt nicht dein Traumjob“ – war meine Entgegnung.

Meiner Erfahrung nach wird selten so viel gelogen wie im Bewerbungsverfahren.

Unternehmen neigen dazu, sich im vermeintlichen Kampf um sogenannte „high potentials“ wie eine geschmückte Braut herauszuputzen. Und mit Versprechungen zu locken, die sie nicht oder nur mit größter Mühe erfüllen können.

Kandidatinnen und Kandidaten bereiten sich akribisch vor auf Gesprächsrunden, Assessment Center und eignungsdiagnostische Verfahren.

Zu wissen, was man wirklich will und den tatsächlichen Bedarf des Gegenübers ernsthaft abzuklären – das ist schon die halbe Miete. Doch gerade in angespannten Situationen neigen wir dazu, jeden Strohhalm zu ergreifen (auch wenn der am völlig falschen Ufer angewachsen ist).

Der erwähnte Kandidat trat nach unserem Gespräch übrigens sehr souverän auf, wurde eingestellt … und die Stelle war ihm auch tatsächlich wie auf den Leib geschnitten.

Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Vermutlich kennen auch Sie das aus Ihrem eigenen Leben – oder haben zumindest das eine oder andere Gespräch mit einem Menschen in einer entsprechenden Situation geführt. So richtig Weltschmerz halt.

„Warum muss das auch immer mir passieren?“

„Ich bekomme auch wirklich nichts auf die Reihe!“

„Bei mir läuft aber auch wirklich alles schief!“

In der entsprechenden Gemütslage scheinen sich unsere Lebensläufe plötzlich in einen großen, dunklen Schatten zu verwandeln. Die Spur des vermeintlichen Versagens reicht bis in die früheste Kindheit … oder gar noch weiter zurück. Karma und so.

„Eigentlich war alles immer schon schrecklich.“

In freundlicheren Zeiten erscheinen auch schwierigere Lebensphasen in milderem Licht.

„Ja, es war nicht einfach damals. Aber ich habe dabei ungemein viel gelernt.“

… und selbst bei den persönlichen Kompetenzen und Erfahrungen lassen sich Laufbahnen mitunter in völlig unterschiedlichem Licht betrachten. Da werden scheinbare „Nebentätigkeiten“ plötzlich wichtig und prominenter herausgekehrt. Aus einem zahlenorientierten Sachbearbeiter in der Buchhaltung, der ab und zu Kundenkontakt hatte wird jemand, der schon als Sachbearbeiter in der Buchhaltung den direkten Kontakt zur Kundschaft suchte und sich jetzt entsprechend weiter entwickeln möchte.

„Der Sieger schreibt die Geschichte“ – heißt es gemeinhin. Welche unserer Fähigkeiten und Neigungen letztlich die Oberhand gewinnt, das können wir viel mehr beeinflussen, als es den meisten von uns überhaupt klar ist.

Neugierig geworden? In einem meiner Coaching-Tipps stelle ich eine einfache, aber ungemein wirkungsvolle Übung vor, die hier weiter hilft – und mit Sicherheit den einen oder anderen Aha-Effekt bereithält.

Was der Lebenslauf über uns verrät

Der Lebenslauf stellt in den meisten Fällen weniger scheinbar „objektive Fakten“ in den Vordergrund. Er ist Ausdruck dessen, als was wir uns darstellen wollen – und zwar genau diesen Menschen und diesem Unternehmen gegenüber. Wer das übersieht, wird sich schwer tun.

„Das ist das, von dem ich meine, dass es für dich von Interesse sein könnte. Wenn ich damit richtig liege, bekomme ich von dir vielleicht das, von dem ich meine, dass du es mir bieten kannst.“

In diesem Kontakt möglichst rasch zu klären, ob die gegenseitige Einschätzung zutreffend ist, ist die zentrale Aufgabe im Bewerbungsverfahren – für beide Seiten.

Unternehmen, die das verstehen, sind in weitaus größerem Maß in der Lage, Potenziale zu erkennen, die hinter einer Bewerbung liegen. Sie finden sich in ausgetrockneten Abeitsmärkten besser zurecht und entwickeln eine vitalere Unternehmenskultur.

Bewerberinnen und Bewerber, die sich dessen bewusst sind, verhalten sich bei der Arbeitssuche professioneller, identifizieren rascher für sie tatsächlich interessante Einsatzbereiche … und ersparen sich ganz nebenbei eine Menge frustrierender „leider-nein“-Erfahrungen.

Klingt doch eigentlich recht verlockend. Oder?