Out of the box

Ich liebe es, Anachronismen und Widersprüche aufzuspüren. Zu erkennen, wo wir vermeintliche Zusammenhänge konstruieren, die so … einfach nicht bestehen können: Weil sie Ereignisse voraussetzen, die zeitlich erst (viel) später stattfinden werden. Weil sie Umstände annehmen, die (längst) nicht mehr gegeben sind.

Ich liebe das deshalb, weil diese vermeintlichen Zusammenhänge mehr über uns selbst aussagen, als man gemeinhin denken möchte – ein Narr, wer meint, er sei davor gefeit.

Ich liebe es, über Tellerränder hinaus zu schauen, zu denken, zu gehen.

Out of the box!

So lautete das Motto cleverer Management Consultants der 1970er und 1980er Jahre … und lässt sich bestens illustrieren durch das sogenannte „Neun-Punkte-Puzzle.

„Wie, verdammt nochmal, lassen sich alle 9 Punkte mit nur vier Linien verbinden?“ – so lautete damals die Herausforderung.

Mittlerweile sind die Meisten von uns schon das eine oder andere Mal über diese Aufgabe gestolpert und erinnern sich vermutlich zumindest dunkel, dass es da eine Lösung gab, bei der die betreffenden Linien eben irgendwie über die vermeintliche Begrenzung hinaus gezogen wurden.

So zum Beispiel.

So leicht lassen wir uns also von so einem Kästchen rund um ein paar Punkte gefangen nehmen und dazu verleiten, die Lösung „innerhalb einer Box“ zu suchen …

Und so leicht lassen sich diese Zusammenhänge aufzeigen. Versteht doch jedes kleine Kind, oder?

Der Kopf sei rund, damit das Denken seine Richtung ändern könne.

Unsere Herausforderungen heute – 40 Jahre später – mögen komplexer sein. So wird zumindest behauptet. Das Denken – und Handeln! – out of the box sei höchst an der Zeit. So tönt es zumindest von Vertretern der rigidesten in-box-Systeme, die die Gegenwart anzubieten hat: Mit öffentlichen Mitteln finanzierte „Think-Tanks“. Gesundheits- und Sozialsysteme. Schulen. Unternehmen vielfach auch. Kirchen. Parteien sowieso.

Out of the box – Gott sei Dank tönt es zumindest so.

Wenigstens das. 😉

Beobachten Sie einmal, wie es Vertretern dieser Systeme geht, wenn sie eines der jeweils heiligen Grundgesetze ernsthaft in Frage stellen und zu untersuchen beginnen.

Out of the box – denken und handeln kann nur, wer weiß, dass er sich in einer Box befindet. Auf den Weg Out of the box begeben kann sich nur, wer den Kopf immer noch nicht daraus hervor gestreckt hat.

Für die jedoch, die die Eierschalen bestehender in-box-Systeme bereits hinter sich gelassen haben, gilt es, eine neue, ganz andere Herausforderung zu bewältigen:

Offene, Komplexität-kompatible Formen des Miteinanders zu entwickeln, in denen die vorhandenen Kräfte sich konstruktiv sammeln und ihre Wirkung endlich voll entfalten können. Die nicht nach abgestandenem Karton riechen.

Aus ihrer Sicht klingt „out of the box“ meist mehr wie der wehleidige Appell derer, die nach wie vor im gemütlichen Nest sitzen und anderen frohgemut zurufen, sie mögen sich doch endlich aus ihrer Komfortzone hinaus bewegen.

Aus ihrer Sicht klingt „out of the box“ dann auch mehr wie das bekannte Software-Prinzip. Wonach vorgefertigte Module auf einer Festplatte herumliegen, um bei Bedarf – ohne an irgend einen Kontext angepasst werden zu müssen – aus dem Hut gezaubert zu werden.

Out of the box halt.

Das ist dann plötzlich … weit weniger sexy.