Bewusstsein: Womit alles anfängt

Expertengespräch mit Peter D. Zettel, Zen-Meister und Autor zahlreicher Bücher zum Thema.

Wenn wir uns über Unternehmenskultur unterhalten, ist meist sehr rasch die Rede davon – aber was genau ist das: „Bewusstsein“?

PDZ: Viele Menschen verstehen unter Bewusstsein einen geistigen Zustand im Gegensatz zu dem des Schlafens nach dem Motto: Bin ich wach und ist mein Bewusstsein ungetrübt, dann bin ich auch bewusst. Tatsächlich aber ist Bewusstsein ein geistiges Phänomen, ein innerer Prozess und keinesfalls nur ein mentaler Zustand.

Neurologen und Bewusstseins-forscher sind sich einig, dass die Welt nur im Bewusstsein existiert und (erst) im Bewusstwerden entsteht. Die entscheidende Frage ist, was dies für unser Leben bedeutet. Dazu müssen wir verstehen lernen, was Bewusstsein ist, denn nur dann können wir es entwickeln und nur dann können wir die Welt wirklich sehen, wie sie ist.

Sprechen wir über Bewusstsein, dann sprechen wir über Wirklichkeit. Was also ist Bewusstsein?

PDZ: Üblicherweise versteht man unter Bewusstsein eher Aufmerksamkeit als Bewusstsein. Ein Beispiel: Kommunikation ist nur möglich innerhalb der eigenen Vorstellungen. Bewusstsein definiert den Raum, den man wahrnimmt und innerhalb dessen man sich bewegt.

Und wie entsteht Bewusstsein? Wie wird es begrenzt?

PDZ: Bewusstsein ist kein abstrakter, für jeden gleicher Seinszustand, sondern sehr individuell: Das eigene Weltbild  zeigt und spiegelt sich im Bewusstsein. Grundlegend für das Verständnis ist, dass die Welt in der wir leben im Bewusstwerden entsteht. Unser Bewusstsein ist die Welt – eine andere gibt es nicht. Das bedeutet aber auch: Die Welt „da draußen“ ist  etwas anderes als mein Bewusstsein.

Sehen wir zum Beispiel die Schneeglöckchen im Garten, dann sieht jeder etwas anderes, weil jede und jeder eine unterschiedliche Sicht der Blumen hat – und nicht nur auf diese. Doch die Schneeglöckchen sind Schneeglöckchen, daran ändert sich nichts.

Wir nennen das unterschiedliche Sichtweisen der Welt, doch in Wahrheit sind es Ansichten, nämlich unser unterschiedliches Verständnis eines Schneeglöckchens.

Dasselbe spielt sich im Unternehmen ab, wenn Teammitglieder ihre Aktivitäten koordinieren oder Informationen über Sachverhalte austauschen. Welche Rolle spielt Bewusstsein in der Kommunikation?

PDZ: Kommunikation findet im Kontext der Sprache statt.

Sage ich beispielsweise: Bei den Toten ist Frieden, dann sind alle damit einverstanden. Doch: Was ist ein Toter? Ein gestorbener Mensch kann es nicht sein, weil der nicht mehr existiert.  Auch ein Leichnam kann es nicht sein. Also ist ein Toter eine ideelle Vorstellung von etwas Beständigem.

Auch Frieden gibt es nicht. Es ist die Beschreibung für ein Phänomen, genauso wie der Tote.

Unterscheiden wir in unserer Sprache Begriffe, mit denen wir Phänomene zu erfassen suchen und solche, mit denen wir Dinge beschreiben, ändern sich Kommunikation und Bewusstsein. Nimmt man geistige Erscheinungen als das was sie sind und deutet sie nicht um als etwas Gegebenes, dann nimmt man Vieles ganz anders wahr.

Der Begriff „Unternehmenskultur“ weist schon darauf hin, dass es sich dabei ebenfalls um ein Phänomen und nicht um eine direkt verfügbare Sache handelt. Das heißt dann aber auch, dass dafür andere Fähigkeiten eines Managements oder einer Beratungsdienstleistung erforderlich sind als wenn wir an sachlichen Aufgabenstellungen arbeiten.

PDZ: Genau. Die Frage ist nämlich nicht, ob wir bewusst sind oder was Bewusstsein ist, sondern was uns bewusst ist. Wenn man das, was einem bewusst ist, für die Wirklichkeit an sich hält, hat man ein Problem. Dann werden Vorstellungen, Meinungen, Anschauungen und Ansichten genauso wie Wahrnehmungen und Empfindungen so real und wirklich angesehen, wie zum Beispiel der Auslastungsgrad einer Maschine, was sie aber nicht sind.

Was genau bedeutet das nun für die Kultur eines Unternehmens?

PDZ: Daraus leitet sich ab, dass es nicht möglich ist, Unternehmenskultur zu managen. Kultur ist ein Phänomen; ein momentaner Zustand, der etwas beschreibt, das nur in diesem Augenblick existiert und dann wieder weg ist. Kultur ereignet sich, aber sie existiert nicht. Wir behandeln sie aber wie ein Ding.

Gleiches gilt für Mitarbeiter-motivation. Managen heißt handhaben. Aber weder an Kultur noch an Motivation ist eine Stellschraube dran. Man kann Menschen begeistern, wenn man selbst überzeugt und damit authentisch ist, doch man kann keine Begeisterung erzeugen. Nur wer dafür empfangsbereit ist, wird die Begeisterung aufnehmen.

Empfangsbereit ist derjenige, dessen Bewusstsein dafür offen ist.

Ist der andere nicht offen dafür, ist darüber reden sinnlos. Das erklärt die Fruchtlosigkeit von vielen Ansätzen, die nicht greifen, weil die Menschen das Bewusstsein dafür nicht haben.

Ein Beispiel: Im Toyota-Way befinden sich viele Zen-Elemente. Deshalb mussten früher neue Mitarbeiter vor ihrem Einstieg bei Toyota einen Zen-Kurs machen. Ob das heute noch so ist, weiß ich nicht. Diese Menschen wurden geschult, die Welt auf eine untersuchende, betrachtende Art und Weise zu sehen. Dadurch wurde ihre Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung kultiviert. Weil das Weltbild sowohl das Selbstbild bestimmt als auch das Bewusstsein begrenzt, haben sich die Menschen so auf ein ähnliches Bewusstsein hin ausgerichtet und ihre Wahrnehmung wurde deckungsgleich.

Aber geh heute einmal in die Firmen und schau, was die Leute für unterschiedliche Weltbilder haben …

Das stellt an das Management eines Unternehmens und die Beraterbranche ganz neue Anforderungen: Worauf kommt es dabei besonders an?

Unternehmenskultur kann man nicht managen. Bei Toyota wurde lediglich die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Unternehmenskultur wachsen konnte. Man kann ein Feld schaffen, in dem diese Pflanze gedeihen kann. Kann! Ob es passiert oder nicht, liegt am Anderen. Derjenige oder diejenige um die es geht, muss sich darauf einlassen. Dann kann Neues geschehen.

Menschen sind autopoetisch: von außen nicht beeinflussbar. Man kann einen Menschen nicht dazu bewegen, etwas zu tun, was er oder sie nicht will, außer durch Zwang und Gewalt. Deswegen ist Management wie es vielfach anzutreffen ist nichts anderes als Manipulation: Hierfür werden Ängste, Bedürfnisse oder die emotionale Lage der Mitarbeiter genutzt.

Darin findet sich die Erklärung für den katastrophalen Gallup-Index. Da wurde die Motivationslage in Unternehmen untersucht: In der BRD sind nur 14% der Mitarbeiter emotional gebunden an das Unternehmen, 23% haben innerlich gekündigt; der Rest macht Dienst nach Vorschrift. Aber: Die meisten Menschen sind mit ihrer Arbeit zufrieden!

Da läuft doch im Management vieler Unternehmen etwas schief! Die Frage nach dem Bewusstsein beantwortet, warum das so ist.

Die wirkliche Aufgabe eines Managements ist, Strategien zu entwickeln, nicht Menschen zu managen – weil das nicht geht. Galilei hat einmal gesagt, man könne die Menschen nichts lehren; man könne ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken. Demgemäß kann man ihnen das Feld zum Selbst-entdecken bereiten.

Jim Collins hat in seinem Buch „Der Weg zu den Besten“ untersucht, was die besonders erfolgreichen Unternehmen gemeinsam haben: Erstaunlich ist, dass sie alle extrem viel Zeit investiert haben, die Leute zu finden, die genauso denken wie sie selbst, also Leute, die das gleiche Bewusstsein, das gleiche Verständnis haben von Leben, Wirklichkeit und dem, was ihre Aufgabe ist.

DAS ist das wesentliche Erfolgskriterium. Gehalt und die ganze Motivationskiste spielen dabei keine Rolle.

Peter D. Zettel. ZEN-Lehrer und Autor zahlreicher Bücher zum Thema Bewusstsein.Peter D. Zettel ist Zen-Meister und Autor zahlreicher Bücher zum Thema. Er stützt sich bei seiner Arbeit auf den breiten Erfahrungsschatz einer langjährigen Karriere als Rechtsanwalt, Berater, Coach und 12 Jahren in der Politik.

Mehr von Peter D. Zettel finden Sie auf seiner Homepage.

Literaturempfehlung:

Der Weg zu den Besten: Die sieben Management-Prinzipien für dauerhaften Unternehmenserfolg

by Jim Collins [Campus Verlag]
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Das Zen-Dao-Prinzip: Zen in der Kunst des Managements

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