Terror – Aufbegehren im Schatten großer Ideale

Friede – Freiheit – Wohlstand. Respekt – Wertschätzung – Exzellenz. Große Worte auf bunten Fahnen, die von hohen Idealen zeugen. Und allzu oft von den Schatten nicht zu Ende oder in die Irre gegangener Wege.

Friede.

70 Jahre Friede in Europa. Abgesehen von ein paar Scharmützeln – schreckhaft wahrgenommen an der Peripherie des Kontinents. Mit allen Konsequenzen. Auch jener, dass es uns an bewährten Wegen mangelt, einst Bewährtes über Bord zu werfen. Veränderte Interessenlagen offen zu thematisieren und sinnvolle Veränderungen zeitnah herbeizuführen, ohne sich in lähmenden Lagerkämpfen zu erschöpfen. Der Kongress tanzt.

Freiheit.

Grenzen ungehindert überschreiten. Die eigne Meinung – und sei sie noch so unreif oder abwegig – frei ausdrücken. Im persönlichen Gespräch, auf Versammlungen oder in „Sozialen Medien“. Mit allen Konsequenzen. Auch jener, dass sich jeder Mist verbreiten lässt und ungeprüft verbreitet wird. Auch jener, das Erkennen eigener Begrenztheiten als Versagen misszuverstehen, freiwillige Selbstbeschränkung als Dummheit im Kampf um knappe Ressourcen. Ich bin doch nicht blöd, Mann!

Wohlstand.

Sich etwas leisten können. Die Fernreise, den Sportwagen, die gut gepolsterte Altersvorsorge. Man hat es sich schließlich verdient. Mit allen Konsequenzen. Auch jener, dass unausgewogene Wirtschaftsbeziehungen zu Ausgrenzung und strukturellen Nachteilen führen. Auch jener, das Scheffeln und Sammeln als Tugend darzustellen, das unproduktive Parken von Finanzmitteln in „immobilen“ Werten statt in kreativen Austauschbeziehungen als kluge Vorsorge. Meins, meins, meins.

Respekt.

Andere Lebensformen, Traditionen, Kulturen. Die Welt ist schön und bunt – so lange ich sie mir von meinem unmittelbaren Umfeld fern halten und selbst bestimmen kann, auf wie viel Fremdheit ich mich einlasse. Mit allen Konsequenzen. Auch jener, dass unter der Multi-Kulti-Oberfläche Entfremdung entsteht. Trotzigkeit und abgebrühte Bösartigkeit. Auch jener der Realitätsverweigerung. Sterbende Kinder in überfüllten Booten – was geht das mich an.

Wertschätzung.

Alles ist gut. Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Jeder hat recht, irgendwie halt. Schönsprech – in Watte gepacktes Aneinander-vorbei-reden. Mit allen Konsequenzen. Auch jener, dass der Unterschied zwischen „ja“ und „nein“ verschwimmt. Dass wir uns eingehend über die Diversität in der Menschenkette unterhalten, statt dafür Sorge zu tragen, gemeinsam möglichst rasch den züngelnden Brand zu löschen. Dass aus Wertschätzung sehr rasch ein banales Wert-abschätzen wird. Wir spielen lieber Friede, Freude, Eierkuchen.

Exzellenz.

Die Dinge nicht nur „gut“ erledigen, sondern mit dem gewissen Etwas – der persönlichen Note, dem ganz besonderen Stil. Das Beste ist gerade gut genug. Mit allen Konsequenzen. Auch jener, uns mit dem Polieren von Blütenblättern zu beschäftigen, während der Wurm am Wurzelwerk nagt. Auch jener, dass wir unsere Unternehmen verantwortlich machen für unsere Zufriedenheit, Smartphones für unseren Blutdruck und Wirtsleute für unseren Gesundheitszustand. Schuld? Sind selbstverständlich die Anderen.

Wo wir achtlos hohe Ideale auf die Fahnen heften – blind dafür, wo sie uns selber nicht gelingen. Da bereiten wir den Boden für Ängste, Ausgrenzung, Verzweiflung und Terror. Und schauen fassungslos auf die Früchte unserer eigenen Beschränktheit.

Tat tvam asi. Das alles bist du.