Nachhaltigkeit – Weg aus der Krise?

Nachhaltigkeit. Seit einigen Jahren geistert dieses Konzept nicht nur durch die Köpfe von Vordenkern, auch aus dem Sprachgebrauch vieler Marketingabteilungen ist diese Vokabel kaum mehr wegzudenken – und die damit verbundenen Inhalte werden ausgefeilter. „green economy“ – „blue economy“ – „Gemeinwohlökonomie“. Was kommt als Nächstes? Und: Was steckt wirklich dahinter?

Letztlich geht es um die Sinnfrage: Was ist der Sinn des Wirtschaftens? Die verschiedenen Ansätze für Nachhaltigkeit beantworten diese Frage analog zu den Verfassungen verschiedener Länder, welche Sinn und Zweck jeder wirtschaftlichen Tätigkeit in der Erhöhung des Gemeinwohls sehen. D.h. das – legitime – Gewinnstreben soll im Dienste des Gemeinwohls stehen, es hat keinen Eigenwert. Alternative Entwürfe wie z.B. die Gemeinwohlökonomie nehmen diese Verfassungen (und viele Wirtschaftslehrbücher) einfach ernst, und setzen diesen Anspruch nur konsequent um. Dazu kommt, dass Entwicklungen wie eine immer größer werdende „Schere“ bei der Einkommensverteilung, Klimawandel, Ressourcenknappheit etc. neue Wege des Wirtschaftens zwingend erfordern – der Planet und die soziale Ausgewogenheit setzen uns hier einfach Grenzen. In einer Gemeinwohlwirtschaft sind die 3 Pfeiler Prosperity (wirtschaftlicher Erfolg), People (sinnvolle und sichere Arbeitsplätze für Mitarbeitende), und Planet (Umweltschutz und Ressourcenschonung) gleichwertige Zieldimensionen. Diese müssen sich letztlich im Businessplan widerspiegeln!

Das sind ambitionierte, möglicherweise zukunftsweisende Ziele. Was kommt auf die Unternehmen zu, wenn Sie sich hier engagieren und weiter entwickelt wollen?

Die Unternehmen erwartet ein Motivationsschub bei vielen Mitarbeitenden! Denn gerade junge und gut ausgebildete Mitarbeitende „springen“ auf diese Thematik und Zielsetzung sehr oft begeistert auf. Am Anfang eines „Projekts für mehr Nachhaltigkeit“ steht immer die Frage nach dem Ist-Stand. Zur Erhebung dieses Ist-Zustandes gibt es viele bewährte Instrumente. Dann geht es darum, aus der Vielzahl von möglichen Maßnahmen, um ein Unternehmen nachhaltiger (in allen drei Dimensionen!) zu gestalten, die aktuell passenden auszuwählen. Bei dem einen Unternehmen kann das die Erstellung eines „Berichts zur Nachhaltigkeit“ sein, bei einem anderen die Entwicklung neuer und nachhaltiger Produkte, bei einem dritten wird die Supply Chain kritisch hinsichtlich problematischen Umwelt-und Sozialauswirkungen überprüft, z.B. mit dem cradle-to-cradle-Ansatz. In der Regel entwickelt man zuerst eine „Politik zur Nachhaltigkeit“. Auf dieser baut dann eine „Strategie zur Nachhaltigkeit“ auf, welche aber – und das ist sehr wichtig! – in die „konventionelle“ Strategie und in den Businessplan eingebaut werden muss. Nachhaltigkeit bleibt dann kein Schlagwort oder wird für das „green washing“ verwendet, sondern ist integrierter Bestandteil des betrieblichen Alltages, und wird dadurch auch für alle Interessensgruppen positiv wirksam.

Meiner Erfahrung nach ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor inwieweit es gelingt, nicht nur die Geschäftsleitung sondern auch die konkreten Mitarbeitenden von einem derartigen Ansatz zu überzeugen. Wie reagieren denn die Belegschaften auf ein derartiges Konzept?

Zwei konkrete Praxisbeispiele: Eine kleine Regionalbank entschließt sich, eine Gemeinwohlbilanz (auf der Basis der Gemeinwohlökonomie) zu erstellen. 100% der Mitarbeiter beteiligen sich – freiwillig – an diesem Prozess! Ein anderes Beispiel, auch aus dem Bankensektor: Eine viel größere Bank hat dasselbe Ziel – und spontan melden sich freiwillig über 10% der Mitarbeitenden zur Mitarbeit in Projektgruppen! Wie schon erwähnt, müssen gerade junge bzw. gut ausgebildete Mitarbeitende oft gar nicht überzeugt – schon gar nicht überredet – werden. Ich habe eher den Eindruck, dass sie geradezu auf eine solche Initiative, welche ihre sozialen und ökologischen Werte anspricht, warten! Natürlich kann das nicht verallgemeinert werden. Auf jeden Fall haben Unternehmen, die solche Werte aktiv in ihre Ziele und Prozesse integrieren, am Arbeitsmarkt (wo es zunehmend einen „war for talents“ gibt) deutlich bessere Chancen, qualifizierte Mitarbeitende zu rekrutieren – und langfristig an sich zu binden.

Nun stellen Unternehmen nicht zuletzt die Frage nach dem konkreten Nutzen. Wie sieht die Kosten-Nutzen-Betrachtung einer Investition in diesem Bereich aus?

Den Nutzen hinsichtlich Gewinnung von motivierten und kompetenten Mitarbeitenden habe ich schon erwähnt, und dieser ist in seiner Bedeutung kaum zu übertreiben. Die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen steigt natürlich enorm, wenn die Produkte und Dienstleistungen den Ansprüchen von kritischen Konsumenten immer besser genügen – Stichworte Energiereduktion, Recyclingmöglichkeit, regionale Herstellung, unschädliche und gesunde Produkte, „saubere“ Produktion etc. Dass Unternehmen, die nachhaltig agieren, mittel- bis langfristig auch wirtschaftlich erfolgreicher sind, ist vielfach nachgewiesen. Sogar die Rendite von „grünen“ und Ethikfonds an den Kapitalmärkten ist erwiesenermaßen höher als die von konventionellen Fonds! Viele Ressourcen werden immer knapper, und damit auch teurer. Unternehmen jedoch, die das gezielt in ihrer Strategie berücksichtigen, können aus dieser an und für sich schwierigen Situation sogar Vorteile erzielen.

Gibt es bereits Erfahrungswerte, für welche Unternehmen es sich besonders lohnt, verstärkt gemeinwohlrelevante Aspekte in die Unternehmensstrategie einzubauen?

Unternehmen aus Branchen, die immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik stehen, wie die erwähnten Banken, aber auch Unternehmen mit hohem Ressourcenverbrauch oder problematischen Umweltauswirkungen, haben mit dem Ausbau von Aspekten der Nachhaltigkeit sehr viel für ihre Zukunftsfähigkeit getan. Unsere Kunden, die uns mit der Begleitung von Projekten für mehr Nachhaltigkeit beauftragen, kommen aus ganz unterschiedlichen Branchen. Zu erwähnen sind besonders Textil- und Sportartikelhersteller, weil deren Produktion sehr oft im fernen Osten ist – mit der damit oft verbundenen, und hinreichend bekannten Problematik von schlechten Arbeits- und Umweltbedingungen. Aber auch Tourismusbetriebe, die sich neu aufstellen wollen, und Regionalität (ein immer wichtiger werdendes Nachhaltigkeitsthema!) verstärkt „leben“ wollen, profitieren von einer nachhaltigen Unternehmensstrategie. Mittlerweile gibt es auch erste Gemeinden, welche die Chancen erkennen, den Ansatz z.B. der Gemeinwohlökonomie umzusetzen.

Nun haben wir bereits festgestellt, dass Nachhaltigkeit – zumindest als Schlagwort – nicht nur die bekannten „early birds“ anspricht, also die mehr oder weniger bekannten Vorreiter der jeweiligen Branche. Andererseits gibt es aber auch die Unternehmen, die mit dem Argument, das sei „doch auch bloss ein Marketing-Trick“ vor der Thematik verschließen. Wie kann hier argumentiert werden?

Es stimmt, dass leider immer noch zu viele Unternehmen Nachhaltigkeit für ihr „green washing“, oder als reinen Marketinggag verwenden. Aber da ist ein Wandel festzustellen. Die Entwicklungen seitens der Konsumenten bzw. Mitarbeitenden habe ich schon erwähnt. Aber auch die Medien und die Politik werden immer mehr für die Thematik sensibilisiert. So müssen große Unternehmen in der EU schon in Kürze verpflichtend ein Energiemanagementsystem einführen, und einen Bericht zur Nachhaltigkeit erstellen. Das wird dazu führen, dass immer mehr Firmen sensibilisiert werden, und die Chancen von Gemeinwohlökonomie, CSR, Strategien für mehr Nachhaltigkeit etc. nutzen werden. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, sagte Gorbatschow. Das wert- und nachhaltigkeitsorientierte „Marketing 3.0“ des Marketing-Gurus Phil Kotler kann helfen, dass das nicht geschieht….

Portrait: Lenz Günter - NachhaltigkeitGünter Lenz ist seit 1997 selbstständiger Unternehmensberater mit ganzheitlicher Ausrichtung. Seine Schwerpunkte sind Organisationsentwicklung, Innovation sowie Qualitäts- und Prozessmanagement. Als zertifizierter Gemeinwohlökonomie-Berater begleitet er Unternehmen dabei, wirtschaftlichen Erfolg, soziale Verantwortung, und ökologische Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Seit seiner frühen Jugend ist er in Umwelt-, Bildungs- und zivilgesellschaftlichen Initiativen engagiert, z.B. im Bereich der Komplementärwährungen. Diesen Impuls bringt er seit 2013 in das Terra Institute ein, um systemischen Wandel und zukunftsfähiges Wirtschaften zu stärken. Das Terra Institute (www.terra-institute.eu) ist ein Kompetenzzentrum für nachhaltiges Wirtschaften.

Website: www.lenz-consult.com

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http://blog.lenz-consult.com/2012/08/the-age-of-less/